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KunststoffabfallDas Verpackungsgesetz - die Grundlage für das Recyclingsystem - wurde Mitte der 90er Jahre unter Umweltminister Klaus Töpfer verabschiedet. Ursprünglich ging es darum, dass die Mülldeponien aus allen Nähten platzten und man mit dem Verpackungsmüll nicht mehr klar kam.

Hinweis: Diese Informationssammlung wird laufend aktualisiert. Sie kann und wird zu keinem Zeitpunkt vollständig sein. Sie basiert auf Wissenschaftsmeldungen, öffentlichen Datensammlungen, Zeitungsmeldungen, Stellungnahmen, Reportagen oder auch Interviews.

 

Auf diesen Umstand sind einige Wundernisse zurückzuführen:

Warum darf man die Nudeltüte in den Gelben Sack werfen aber das Plastikspielzeug nicht? Weil ersteres Verpackung ist und letzteres nicht. wink In der Praxis wird das nicht so gehandhabt. Artgleicher Kunststoff landet meist trotzdem in der gelben Tonne. Aber streng genommen müsste das kaputte Plastikauto in den Restmüll. Die Unternehmen bezahlen Geld für die Verpackungsentsorgung aber nicht für die Produkte.

Ebenso skurril - und nach meiner Meinung falsch - ist die Berechnung der Recycling-Quote. Man berechnet die Quote aus der Menge an Abfall, der in die Recycling-Anlage hineingeht. Ungefähr 20% vom Inhalt der Gelben Tonne gehören dort nicht hinein! 1) In deutschen Großstädten seien es angeblich sogar bis zu 50% so genannte Fehlwürfe! 2) Diese Stoffe landen auf dem Müll oder werden verbrannt, zählen aber auch als recyclet.

Recyclingquote der stofflichen Verwertung von Verpackungsabfällen in den Ländern der EU
Offizielle Recyclingquote der stofflichen Verwertung von Verpackungsabfällen in den Ländern der EU für 2016

Bereits 2017 nannte Thomas Obermeier, der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW), die offiziellen Recycling-Zahlen "Augenwischerei"Die Partei Die Grünen hat Anfang 2019 eigene Berechnungen angestellt. Bereinigt um Müllexporte und Sortierverluste im Recylingprozess betrage die Recyclingquote 2015 in Deutschland bei Verbrauchern (ohne Industrie) nur 17,3%. Zum Vergleich: Die Bundesregierung gab auf Anfrage der Grünen eine Quote für 2015 von 38% an.

Noch übler sieht es aus, wenn man den produzierten Kunststoff in Deutschland mit dem recycleten Kunststoff ins Verhältnis setzt. Henning Wilts, Abfallexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, sagte, dass 2017 in Deutschland 14 Mio Tonnen Plastik hergestellt wurden. Es wurden aus dem Recycling der Verbraucher (Gelbe Tonne) aber nur 0,8 Mio Tonnen recycelter Kunststoff (Recyclat) wiederverwertet. Der Rest wird exportiert, verbrannt oder in der Zementindustrie verwendet. Das sind nur 5,6%! Wenn ich als Verbraucher "Recycling" höre, erwarte ich, dass der größte Teil der ca. 5 Mio Tonnen Verbraucherkunststoffabfälle wiederverwertet wird.

Einfuhrstopp von China

2018 hat der weltweite Plastikexport einen Dämpfer bekommen, weil China einen Einfuhrstopp für Plastikmüll aussprach. Der exportierte Müll war zu minderwertig und China wurde zur globalen Müllkippe. Der Export stagnierte anscheinend nur kurz. Inzwischen ergießen sich die Müllströme in andere Asiatische Länder mit verheerenden Folgen. Es gab bereits erste Videoreportagen von illegaler Plastikmüllverkippung aus Europa irgendwo inmitten von Plantagen in Asien. Urheber unbekannt, Müllstrom unbekannt, Entsorgung ungeklärt. Malaysia scheint China als Importeur abzulösen.

Verwertung von Plastik

Das seit 01.01.2019 in Deutschland geltende neue Gesetz über das Inverkehrbringen, die Rücknahme und die hochwertige Verwertung von Verpackungen (Verpackungsgesetz - VerpackG) enthält für die werkstoffliche Verwertung von Kunstsoffen in §16 neue Quoten:

Kunststoffe sind zu mindestens 90 Masseprozent einer Verwertung zuzuführen. Dabei sind mindestens 65 Prozent und ab dem 1. Januar 2022 70 Prozent dieser Verwertungsquote durch werkstoffliche Verwertung sicherzustellen.

"Werkstofflich" bedeutet, dass der Kunststoff als solcher wiederverwendet wird. Man erhält Recycling-Kunststoff, auch Recyclat genannt.

"Rohstofflich" bedeutet, dass der Kunststoff unter Wärmeeinwirkung zu Grundstoffen wie Ölen oder Gasen verwandelt oder als Reduktionsmittel im Hochofen eingesetzt wird. Der Kunststoff wird zersetzt und umgewandelt.

"Energetisch" bedeutet, dass der Kunststoff verbrannt wird. Man erhält Wärme- und Elektroenergie sowie Verbrennungsrückstände (Schlacke, Filterrückstände).

Trend der Verwertung von Kunststoffabfällen in Deutschland
Trend der Verwertung von Kunststoffabfällen in Deutschland auf der Basis der gegenwärtigen  Berechnungsmethode


Plastikmüll verbrennen zur Wärme- und Stromerzeugung (aus Plastik in der Restmülltonne) bzw. verwenden in der Zementindustrie als Reduktionsmittel (aus der Gelben Tonne) wird als Einsparung von anderen fossilen Brennstoffen verkauft. Das bringt aber meiner Meinung nach nicht viel, weil Plastik selber auch aus fosslilen Brennstoffen besteht. Man vernichtet damit potenzielles Recyclinggut und braucht neues Erdöl zur Herstellung von Kunststoff. Obendrein entstehen in Müllverbrennungsanlagen giftige Rückstände, die nach deren Bindung in unterirdischen Deponien (z.B. Salzbergwerken) endgelagert werden. Hierbei spricht man von Untertageversatz (UTV) oder Untertagedeponie (UTD). Mit Stand 2012 gab es in Deutschland 12 UTV-Bergwerke, eine UTV-Kaverne und vier Deponien. Deutschland hatte eine jährliche Lagerkapazität von 2,5 Mio. Tonnen.

In einem Salzstollen bei Heilbronn wurden bspw. seit 1987 mehr als 1 Million Säcke mit Abfall aus Müllverbrennungsanlagen und anderem Giftmüll endgelagert. Unfreiwillig. Stadt und Bergwerksbetreiber klagten, aber das Land Baden-Württemberg unter Landesumweltminister Gerhard Weiser (CDU) setzten es gerichtlich durch. Heute sehen Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und der Betreiber das anders. Mit der Lagerung macht eine Tochterfirma des Bergwerks Millionengewinne. Damit hat man ein ähnliches Problem wie beim Atommüll, denn die giftigen Rückstände werden ohne Zersetzung in den Endlagerstätten hunderte Jahre verbleiben oder durch eindringendes Grundwasser doch noch in die Umwelt gelangen.

Bei aller Kritik und Problematik: Für die Praxis habe ich bisher noch keine tragfähige Alternative zur Lagerung gefunden. Als Hauptstoßrichtung erscheint mir die Reduzierung durch Vermeidung des Abfalls, um die jährlich entstehende Endlagermenge abzusenken.

Zur Erhöhung der Recyclingquote ist nach Ansicht von Experten u.a. ein geeignetes Verpackungsdesign der Industrie erforderlich. Verbundkunststoffe, versteckte Kunststoffe (z.B. Papiertüte mit Kunststoffbeschichtung), Verpackungen aus verschiedenen Arten von Kunststoffen (z.B. PET-Flasche mit PE-Schraubverschluss) usw. verursachen Probleme beim Kunststoffrecycling. Dadurch kann ein großer Teil der Kunststoffe nicht erkannt oder sortenrein getrennt werden.

Das neue Verpackungsgesetz definiert Recyclingquoten, schreibt aber nichts über generelle Verpackungsvermeidung vor. Nur die Erhöhung der Mehrwegquote bei Getränken zielt darauf ab. Die Lizenzgebühren sollen zukünftig ökologische Anreize schaffen. Hierzu heißt es im §21 des VerpackG:

"(1) Systeme sind verpflichtet, im Rahmen der Bemessung der Beteiligungsentgelte Anreize zu schaffen, um bei der Herstellung von systembeteiligungspflichtigen Verpackungen

1. die Verwendung von Materialien und Materialkombinationen zu fördern, die unter Berücksichtigung der Praxis der Sortierung und Verwertung zu einem möglichst hohen Prozentsatz recycelt werden können, und
2. die Verwendung von Recyclaten sowie von nachwachsenden Rohstoffen zu fördern."

Andere Länder machen es vor: Hersteller in Frankreich, die weniger Verpackungverbrauch nachweisen können, bezahlen 8% weniger Lizenzgebühren, sagte Henning Wilts, Abfallexperte am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie im WDR5.

 

(1) "Unnötig und schädlich: Was tun gegen Plastikmüll?" 21.11.2018 | WDR

(2) "Das deutsche Recycling-Märchen", SZ, 11.05.2017

(3) "Kunststoffabfälle", UBA, 30.01.2017

(4) "Deutsches Recyclingsystem versagt beim Plaskmüll", Spiegel Online, 18.01.2019

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